Ernährungsarmut und Ernährungsrisiken

Haushalte mit geringem Einkommen schränken sich in Bezug auf regelmäßig konsumierte Nahrungsmittel in charakteristischer Weise ein. Insbesondere wird der Kauf teurer Nahrungsmittel, wie das empfohlene Frischobst und –Gemüse deutlich reduziert.

Zunächst belegen Haushaltsbudget-Studien eine Verringerung aller Ausgaben für Lebensmittel und eine veränderte Zusammensetzung der erworbenen Nahrungsmittelgruppen bei geringem Einkommen. Einerseits steigt der prozentuale Anteil dieses Postens am Gesamtbudget, andererseits verringern sich die absoluten Ausgaben.
Schon auf der Stufe des Einkaufs wird deutlich, dass Personen aus armen Haushalten in der Wahl einer gesundheitsfördernden Ernährung eingeschränkt sind. Eine als gesundheitsfördernd empfohlene Ernährung wie die Vollwerternährung ist auch bei sparsamstem Einkauf teurer als die nach Sozialhilfesatz möglichen Einkäufe (Becker u.a. 1995).
Außerdem ist der schon in der Mehrheitsbevölkerung zu findende Minderverbrauch an Frischobst und Gemüse bei einkommensschwachen Haushalten besonders ausgeprägt. Hier treffen also für eine große Anzahl von Personen mit niedrigem Einkommen die Risiken, die sich aus mangelnder Gesundheitsinformation ergeben, mit einem verminderten Einkommen sowie mit dem in armen Wohngebieten oft unzureichenden Lebensmittelangebot zusammen.

Arme Haushalte weichen häufig auf Lebensmittel aus, die vielfach eine schlechtere ernährungsphysiologische Qualität aufweisen, d.h. höheren Fett- und Zuckergehalt, weniger komplexe Kohlenhydrate aufweisen. Lebensmittel werden vor allem unter dem Blickwinkel zu sparen gekauft. Außerdem werden mit wachsenden finanziellen Engpässen einzelne Mahlzeiten im Umfang reduziert oder ganz ausgelassen, weil die notwendigen Lebensmittel bzw. Haushaltsvorräte nicht mehr vorhanden sind und nicht beschafft werden können. Typischerweise sind solche Einschränkungen nicht durchgängig der Fall, sondern eher periodisch, d.h. jeweils dann, wenn das Haushaltsgeld zur Neige geht.
Übliche nationale Empfehlungen für die Energie- und Nährstoffzunahme können nicht eingehalten werden. Allerdings dürfen solche Abweichungen von nationalen Ernährungsempfehlungen nicht notwendigerweise als Anzeichen fehlenden Ernährungswissens oder –bewusstseins verstanden werden. Auch Arme sind bemüht, sich selbst und vor allem ihre Kinder möglichst gesund zu ernähren.

Arme leiden unter dem Verlust ihrer normalen Mahlzeitenmuster und Versorgungsweg mehr als unter der materiellen Einschränkung der Ernährung. Als starke Belastung auf der Haushaltsebene wird vor allem die Sorge empfunden, woher sie die nächste Mahlzeit bekommen sollen. Belastend ist außerdem das Gefühl, von anderen abhängig zu sein. Geradezu quälend ist für viele, wenn Lebensmittelhilfe und Suppenküchen als Nahrungsmittel genutzt werden müssen. Dies wird von den Betroffenen in der Regel als demütigendes Betteln erlebt.
Aber selbst wenn eine ausreichende Ernährung durch Ausweichen auf billigere Lebensmittel noch sichergestellt werden kann, belasten dennoch die Einschränkung der Wahlfreiheit und die Reduzierung der sozialen Ernährungsqualität. So müssen statushohe durch statusniedrigere Lebensmittel ersetzt werden. Beispielsweise müssen Braten durch Hackfleisch oder Fleisch durch Hülsenfrüchte ersetzt werden. Außerdem muss an solchen Nahrungsmitteln gespart werden, deren Status zwar nicht besonders hoch ist, die aber einen hohen sozialen und emotionalen Gehalt haben. Zu dieser Kategorie zählen beispielsweise Alkoholika und Nahrungsmittel mit hohem Zuckeranteil (Kuchen, Süßigkeiten, süße Desserts), die mit Freude und festlichen Anlässen assoziiert sind.


Als statische Nachweise hinsichtlich der Verarmung und daraus resultierenden Haushaltseinschränkungen empfehlen wir einen Blick auf die Insolvenzen in Deutschland. Diese Zahlen des Statistischen Bundesamtes stellen nicht nur Unternehmer- sondern auch Verbraucherinsolvenzen dar.