Psychosen

Psychose ist der Oberbegriff für tief greifende seelische Krankheiten. Es ist ein unscharfer nicht exakt definierter Oberbegriff für eine ganze Reihe seelischer Krankheiten, bei denen die Beeinträchtigung psychischer Funktionen ein solches Maß erreicht hat, dass dadurch Einsicht und Fähigkeit gestört sind, einigen der üblichen Lebensanforderungen zu entsprechen. Besondere Kennzeichen sind dabei: eingeschränkter Realitätsbezug, mangelhafte Verstehbarkeit, mangelnde Kommunikationsfähigkeit, vorhandene Krankheitsuneinsichtigkeit und mangelnde Fähigkeit zur sozialen Anpassung.

Als Tatsache ist zunächst festzustellen, dass ein großer Teil wohnungsloser psychisch Kranker das etablierte Gesundheitssystem inadäquat, nicht fachspezifisch und/oder erst in Notfallsituationen in Anspruch nimmt. Dieses ungünstige Verhalten ist bei Alleinstehenden und bei psychisch mehrfach Erkrankten besonders ausgeprägt.
Ursachen dafür liegen im Zusammenspiel von Krankheitssymptomen und Zugangsvoraussetzungen für die Aufnahme in viele psychiatrische Institutionen.
So wird vielfach das Eingeständnis psychisch krank zu sein in Wohneinrichtungen konzeptionell als Aufnahmevoraussetzung verlangt. Nun ist aber gerade mangelnde Krankheitseinsicht, wie oben festgestellt, ein Kennzeichen der psychischen Erkrankung. Es ist ein paradoxes Phänomen, dass der Grund für die Aufnahme (psychische Krankheit mit dem Symptom mangelnder Krankheitseinsicht) ein Grund für die Ablehnung ist.

Ein weiterer Ausgrenzungsmechanismus sind die hoch angesetzten persönlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten, die in vielen Institutionen von den Klienten erwartet werden. Es werden Motivation, das Leben positiv selbst gestalten zu wollen und ein Mindestmaß an Einhaltung von Spielregeln erwartet. Die Symptome "eingeschränkter Realitätsbezug, mangelhafte Verstehbarkeit, mangelnde Kommunikationsfähigkeit und mangelnde Fähigkeit zur sozialen Anpassung19" machen gerade das zu einer fast unmöglichen Anforderung für viele Betroffene.
Die Folge ist, dass viele Erkrankte ohne oder mit geringer/gelegentlicher medizinischer Versorgung leben. Sie kommen dann häufig nur in akuten Notfällen mit psychiatrischen Einrichtungen in Kontakt.
Gerade in diesen Notfällen werden sie oft dann damit konfrontiert, dass die Psychiatrie nicht nur Anbieter psychiatrischer Dienstleistungen ist, sondern auch Ordnungsinstanz und/oder Schutzinstanz für die Allgemeinheit. Gesetzliche Voraussetzungen verlangen ein genaues Potential an Fremd- und Eigengefährdung. Aber auch hier gibt es Ermessensspielräume. Zwangsbehandlung und -einweisung sollten Ausnahmesituationen darstellen, da sie von den Betroffenen als besonders traumatisch erlebt werden. Es wird aber sehr unterschiedlich mit diesen Kriterien verfahren. Regional unterschiedliche Angebotsstrukturen und Möglichkeiten der Unterbringung bestimmen oft die Art der Reaktion mit. Davon hängt es dann für den Erkrankten ab, ob er mit einer Zwangseinweisung konfrontiert wird oder nicht. Diese Erfahrung ist für diesen Teil der Betroffenen wenig einladend, später freiwillig mit der Psychiatrie Kontakt aufzunehmen. Dementsprechend ist die Zahl der psychisch Kranken, die nur zwangsweisen Kontakt mit der Psychiatrie hatten und sich in Wohnungslosigkeit befinden sehr hoch.
Menschen mit psychotischen Erkrankungen brauchen auf Grund ihrer Symptome eine reizberuhigte, individuelle Unterstützung und Hilfe. Sie muss ihnen die Möglichkeit zum sozialen Rückzug und zur Begrenzung der sozialen Kontakte ermöglichen. Standardmäßig werden aber gerade diese Menschen mit extrem Reiz stimulierenden Notaufnahmestationen psychiatrischer Kliniken oder hoher sozialer Dichte innerhalb von Wohngemeinschaften konfrontiert. Es liegt nahe, dass unter diesen Bedingungen eher die robusteren der psychisch Kranken eine Perspektive finden, die empfindlicheren sind damit überfordert.
So tauschen in den 72er Einrichtungen im wesentlichen zwei Typen von Klienten auf.
Einmal solche, die neben der Grunddiagnose "Psychose" mit der Zusatzdiagnose "querulatorisch" versehen werden.
Zum anderen sind es erstaunlicher weise gerade Personen, die als eher still zu bezeichnen sind. Es sind Menschen, zu denen auch nach intensivster Beziehungsarbeit kaum Zugang zu finden ist. Sie leiden zwar, sind aber noch nicht mal in der Lage ihren Leidensdruck zu artikulieren - eine Grundvoraussetzung für jede Beziehungsarbeit.
Psychisch kranke Wohnungslose sind zu beschreiben als eine Gruppe, die auf Grund der spezifischen Krankheitssymptome sehr spezielle Bedürfnisse haben. Sie reagieren teilweise sehr sensibel auf ihre Umgebung. Auf ihre - im wesentlicher krankheitsbedingten - Bedürfnisse auf Rückzugsmöglichkeiten, ihre Einsichtsfähigkeit und Möglichkeiten zur Lebensveränderung werden in vielen psychiatrischen Einrichtungen nicht ausreichend berücksichtigt.
Sie sind eine Gruppe, die mit den klassischen psychiatrischen Methoden kaum zu behandeln ist.