Wohnungslosigkeit - Ursache oder Auswirkung der Erkrankung

Der Zusammenhang zwischen Wohnungslosigkeit und psychischer Störung, den jeweiligen Beginn und Verlauf, ist noch weit gehend ungeklärt. Eine Untersuchung in einer deutschen psychiatrischen Klinik zeigte, dass sich bei den meisten Patienten mit Wohnungsproblemen (bei Aufnahme in die Klinik) dieses Problem während der Verweildauer in der Klinik nicht verändern lässt. Bei 116 aus Obdachlosigkeit aufgenommenen Patienten blieb auch nach der Entlassung die Obdachlosigkeit bestehen.
Das sagt allerdings noch nicht aus, an welcher ,,Stelle" der Problemkreis ,,Wohnungslos und psychisch krank" begonnen hat.

In einer Studie in den USA wurde festgestellt, dass bei einem Teil der Betroffenen (2/3) erhebliche psychische Störungen bereits vor Beginn der Wohnungslosigkeit zu bestehen scheinen, während es bei einem anderen Teil (1/3) erst nach der Wohnungslosigkeit zum Auftreten manifester Symptome kommt. Nur 3-8% der Betroffenen selbst beurteilen in dieser Befragung ihre psychischen Probleme als wichtigen Grund/Anlass für den Eintritt der Wohnungslosigkeit.

Die eine Gruppe zeit eine relativ unauffällige Entwicklung bis ins Erwachsenenalter hinein, dann setzt der Alkoholismus ein, und in der Folge kommt es zu Wohnungsverlust. Die zweite Gruppe dagegen zeichnet sich durch ein oder mehrere der folgenden Merkmale aus:
Zerrüttete Verhältnisse und/oder Missbrauch in der Primärfamilie, Verhaltensstörungen in der Kindheit oder im Jugendalter, früher Alkohol- und Drogenmissbrauch und in der Folge eine früh einsetzende Wohnungslosigkeit.
Bei Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen lag das auslösende Ereignis und der Beginn der Symptomatik mehrheitlich vor der Wohnungslosigkeit. Als weitere Risikofaktoren wurden Adoption, Heimunterbringung und kindliches Weglaufen gefunden. Die hohen Prävalenzraten psychischer Störungen bringen diese Autoren nur z.T. mit Armut in Zusammenhang.

Wohnungslose psychisch Kranke sind nicht obdachlos geworden, weil sie ein ungebundenes Leben aufnehmen wollten, sondern weil sie an der Wechselwirkung von psychischer Störung mangelnden Bewältigungsfähigkeiten, an der schrittweisen Auflösung des sozialen Netzes, einem für ihre Problemlagen nicht angepassten Hilfesystems und einer zersplitterten Sozialgesetzgebung scheiterten.

Stigmatisierung psychisch kranker Wohnungsloser

Ein weiterer ganz wesentlicher Aspekt für die Scheu psychiatrische Einrichtungen aufzusuchen ist die gesellschaftliche Realität der Stigmatisierung durch die Psychiatrie insgesamt.
Psychiatrie = psychisch krank = verrückt = gesellschaftlich im Abseits
Eine Assoziationskette, die immer noch gilt und sie gilt auch für Wohnungslose selbst.

Es ist für uns erstaunlich, dass vor allem Psychiatriepatienten das Obdach, die schlechteste Pension, der Klinik vorziehen.